Thomas

Es war Anfang der siebziger Jahre, als ich Thomas zum ersten Mal in meiner Lieblingskneipe sah.

Für die meisten Studenten galt schon wenige Wochen nach Studienbeginn, dass der regelmäßige Besuch dieser Szenekneipe mit seiner unterschiedlichen Klientel, ein ungeschriebenes Gesetz ist.

Aufgrund seines Alters glaubte ich, Thomas sei einer von den „ewigen“ Studenten die nach etlichen Semestern noch immer immatrikuliert waren und zwischenzeitlich mehr oder weniger orientierungslos ihren Lebensunterhalt in der Gastronomie, oder als Taxifahrer bestritten.

Obwohl Thomas  mit den stadtbekannten „Weltverbesserern“ an einem Tisch saß, beteiligte er sich nie an den Streitgesprächen derer, die in den unterschiedlichsten K- Gruppen anzutreffen waren.

Gemeinsam beriefen sie sich auf den Marxismus/ Leninismus, hatten aber unterschiedliche Auffassungen darüber, wer ihr persönlicher „Lehrmeister“ ist. In unzähligen Diskussionen wurden Mao, Stalin und Enver Hodger lautstark als Vorbilder im Kampf gegen die herrschende kapitalistische Klasse zitiert.

Mir ging die selbsternannte „Vorhut der Revolution“ mit ihren wortgewandten Profilneurotikern immer tierisch auf die Nerven. Ich hatte stets das Gefühl, sie redeten nur um des Redens Willen. Es schien, als seien sie gar nicht daran interessiert, einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Ich habe keine Erinnerung mehr daran, was die ersten Worte waren, die Thomas an dem Abend an mich richtete. Es war für mich aber Anlass genug, viele Wochen folgen zu lassen, in denen wir beide stundenlang über „Gott und die Welt“ sprachen.

Ich genoss jede Minute, in denen wir Himmel hoch jauchzend, oder zu Tode betrübt über den Sinn des Lebens „philosophierten.“

Ich liebte es, wenn er mir in unseren Gesprächen zärtlich über den Kopf streichelte, meine Wange tätschelte, oder mich beim Abschied herzlich umarmte. All seine Berührungen hatten eine unverfängliche Reinheit. Mitunter beschlich mich das Gefühl, wir kannten uns aus einem früheren Leben.

Eines Tages fragte er mich, ob ich Lust hätte, als sein persönlicher Gast ins Städtische Theater zu kommen, wo er eine Rolle in dem Stück: *Woyzeck* von Georg Büchner spielt. Obwohl ich mich über die Einladung sehr freute, fand ich es schon befremdlich, dass ich bis dato nicht wusste, was er beruflich macht. Irgendwie war es nie ein Thema unserer vertrauten Gespräche. Auch hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, weshalb er nie vor Mitternacht in die Kneipe kam.

Nach der Vorstellung kam er sofort zu mir und bat mich auf ihn zu warten, bis er abgeschminkt und umgezogen ist. Die Quintessenz des Theaterstücks und das Erschrecken darüber, ihn aufgrund seiner überzeugenden schauspielerischen Leistung plötzlich anders wahrzunehmen, machten mich traurig. Meine Emotionen waren unterschiedlicher Natur, hatten aber eine Gemeinsamkeit. Sie waren gnadenlos.

Ich spürte, dass nichts mehr zwischen uns sein wird, wie es mal war. Ich fühlte mich von ihm verraten.

Eifersucht überkam mich, weil ich befürchtete die stehenden Ovationen die er für seine Leistung nach der Vorstellung erhielt, würden ihm mehr bedeuten als unsere Freundschaft. Alleine sein und Ordnung in meine verwirrten Gefühle bringen, nur das war mir in dem Moment wichtig, als er mich überglücklich in die Arme nahm.

Allerdings war ich nicht in der Lage es zu sagen. Stattdessen klagte ich über plötzliche Kopfschmerzen. Ich werde erst mal nach Hause gehen und mir eine Kopfschmerztablette einklinken, und, dass wir uns später bestimmt noch sehen, hatte ich ihm gesagt, bevor ich ging. Ich glaubte an seinen traurigen Augen ablesen zu können, wie sehr ihn meine Lüge verletzte. Nicht, weil er den Abend möglicherweise mit mir anders ausklingen lassen wollte, sondern, weil ich ihn belogen hatte.

Die klare Luft auf dem nächtlichen Nachhauseweg, brachte ebenso wenig Klarheit in meine verwirrten Gefühle, wie das Grübeln am Küchentisch. Deshalb beschloss ich in die Kneipe zu gehen und mit Thomas darüber zu reden.

Als ich dort eintraf, begriff ich sofort, dass ich offensichtlich die Einzige bin, die nicht wusste, dass er Schauspieler ist. Von allen Seiten kamen die Leute um ihm zu sagen, wie sehr ihnen sein Auftritt gefallen hat. Es erfreute mich, dass er so in Beschlag genommen wurde und die Komplimente offensichtlich genoss. Sein scheinbar bekümmertes Schulterzucken darüber, nicht sofort bei mir sein zu können, erwiderte ich mit einem vorgetäuschten verstehenden Augenzwinkern, bevor ich ging.

 

Als er mich am nächsten Abend zur Begrüßung herzlich umarmte, spürte ich sofort, dass ihn etwas bedrückte. Mein Vorsatz, mit ihm über meine noch immer unsortierten Gefühle zu sprechen, verflog augenblicklich. Wir saßen einige Minuten schweigend nebeneinander, bevor er zu sprechen begann.

In dieser Nacht begriff ich, was mich immer irritiert hatte, wenn wir gemeinsam redeten und lachten. Stets legte sich ein melancholischer Schleier über seine lachenden Augen. Thomas erzählte mir, dass er nicht nur von seinen Schauspielerkollegen, sondern auch von allen anderen Mitarbeitern des Theaters geschnitten wird. Er war fest davon überzeugt, dass es dafür nur zwei Gründe gab. Er war schwul und hatte jüdische Eltern.

Für mich war sehr schwer vorstellbar, dass es Menschen gab, die ihn für seine biologischen Wurzeln und seine Sexualität verachteten. Ich sagte ihm, dass diese Menschen es nicht wert sind, auf seine Befindlichkeit Einfluss zu nehmen.

Seine Augen verrieten mir, dass meine Worte ihn nicht überzeugt hatten.

 

In den folgenden Monaten sprachen wir noch öfter über das Verhalten seiner Kollegen. Meinen Rat, die Meinung dieser Menschen entweder zu ignorieren, oder sie gezielt anzusprechen, hörte er sich stets mit einem scheinbar verstehenden Lächeln an. Umgesetzt hat er davon aber nichts. Obwohl ich ihn natürlich weiterhin sehr mochte, machte mich seine Hypothese, man könne an dem unwürdigen Zustand nichts ändern, traurig und wütend zugleich.

 

Etwa ein halbes Jahr nach seinem „Outing“ lud er mich wieder ein, sein Gast zu sein.

Diesmal besuchte ich das Theater mit hohen Erwartungen bezüglich seiner Schauspielkunst. Es wurde *Ein Bericht an eine Akademie* von Franz Kafka gespielt.

Die stehenden Ovationen schienen nicht enden zu wollen. An diesem Abend wartete ich auf ihn. Als wir in der Kneipe ankamen, schienen sich all seine Kollegen versammelt zu haben. Die Wirtin hatte alle Hände voll zu tun, für die vielen Blumen die er bekam, Gefäße zu finden.

Nach etwa vier Stunden in denen ich mich mehr als er über die Lobhudeleien seiner schauspielerischen Leistung zu freuen schien, verabschiedete ich mich von ihm.

Er bat mich inständig zu bleiben, weil er sich so alleine fühle unter den vielen Menschen, sagte er.  Ich lehnte es ab, weil ich wirklich saumüde war und nicht begriff, was er mit dieser Aussage möglicherweise  ausdrücken wollte.

Ich hörte ihn in dieser Nacht nur ein einziges Mal meinen Namen rufen, als er vor meinem Haus stand.

In den frühen Morgenstunden klingelte mich meine Vermieterin aus dem Bett. Sie beklagte sich, die ganze Nacht kein Auge zugemacht zu haben, weil ein Verrückter ständig meinen Namen rief. Als ich beteuerte, von all dem nichts mitbekommen zu haben, sagte sie entrüstet:“ Na dann haben sie ja gut ausgeschlafen. Dann schnappen sie sich mal gleich einen Besen und machen den Dreck weg, den der Bekloppte vorm Haus hinterlassen hat:“

Ich war entsetzt, als ich die Haustür öffnete. All die vielen schönen Blumen die Thomas am Vorabend geschenkt bekommen hatte, lagen dort. Er hatte sie alle geköpft. Ob es außer verletzter Eitelkeit noch etwas gab, was ihn veranlasste seine Gefühle so drastisch auszuleben, wollte ich am Abend von ihm erfahren.  Ich nahm mir ernsthaft vor, ihm  die Leviten zu lesen.

Thomas kam weder an diesem Abend, noch am nächsten.

Als ich mich am dritten Tag aufmachte ihn zu besuchen, erzählte mir seine Hauswirtin, dass er sich erhängt hatte.

Ich war zwanzig Jahre alt und wollte nicht wissen, wann genau das war.

 

Rest in peace, Thomas

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