Rüdiger

 

Rüdigers Vater wurde nur 29 Jahre alt. Ukrainische Partisanen hatten ihn 1939 mit einem Kopfschuss getötet. Unsere Mutter machte nie einen Hehl daraus, dass er ihr Lieblingskind war. In ihren Augen konnte ihm weder mein anderer Halbbruder noch ich das „Wasser reichen“. Es verging kein Tag an dem sie nicht erzählte, welch wunderschönem klugem und allseits beliebtem Geschöpf sie das Leben geschenkt hatte. Vermutlich glaubte er irgendwann selbst daran und konnte deshalb nicht verstehen, weshalb andere Menschen es aus den unterschiedlichsten Gründen, zu Recht anders sahen.

Seine Mutter war stolz darauf, dass er von den jungen Mädchen in den fünfziger Jahren umgarnt wurde. Es lag vermutlich nicht nur an der vagen Ähnlichkeit mit dem Hollywood- Idol James Dean, sondern eher daran, dass er ein vergleichbares Charisma hatte.

Für die männlichen Wegbegleiter seines Lebens war er stets der tolle Kumpel. Einer, mit dem man Pferde stehlen konnte, sagten sie.

Die unterhaltsame und abenteuerliche Seite des Lebens endete für Rüdiger abrupt, als er seiner Mutter erzählt, dass er sich ernsthaft verliebt hat und heiraten will. Weil er noch nicht volljährig war, benötigte er ihr Einverständnis. Beherrscht von der Angst, sie könnte ihren Sohn an eine andere Frau „verlieren“, bekommt sie einen Tobsuchtsanfall der in einer vorgetäuschten Ohnmacht endet. Obwohl ihm die hysterisch überlagerten Emotionen seiner Mutter nicht fremd sind, brauchte es noch einige Tage bis er ihr gesteht, seine Freundin geschwängert zu haben. Er war sich gewiss, dass es das einzige Argument war, was sie zum Umdenken anregen wird. Getrieben von der Scham, die Nachbarn könnten erfahren, das sich ihr Sohn nicht an die gottgewollten Gebote der Keuschheit gehalten und ein uneheliches Kind gezeugt hatte, erteilt sie der Ehe den mütterlichen Segen. Das Elternhaus wird ausgebaut und ihr „Kronprinz“ zieht mit seiner jungen Familie ein.

 

Warum auch immer Mutter und Sohn sich nicht voneinander abnabeln konnten, seiner Ehe tat es natürlich nicht gut. Die Frauen buhlten um seine Liebe, Streitereien beherrschten deren Alltag.

Als er zum dritten Male Vater wurde, veränderte sich sein Leben total. Vermutlich, um der häuslichen Umgebung zu entkommen, nimmt er neben seinem Beruf als Fahrlehrer bei der Bundeswehr, einen Zweitjob an. Er erzählt seiner Frau, dass er in wenigen Jahren als Taxifahrer so viel verdienen kann, dass sie bald ausziehen und ein eigenes Haus bauen können.

Keiner wagte sein Verhalten zu kritisieren, wenn er nach mehrstündigen Taxifahrten stets betrunken nach Hause kam. Die Mutter nicht, weil sie befürchtete, ein Streit könnte ihn veranlassen auszuziehen. Seine Frau nicht, weil sie befürchtete, der Traum vom Eigenheim könnte platzen.

Als er nachts immer seltener nach Hause kommt, wird auch darüber der Mantel des kollektiven Schweigens ausgebreitet. Menschen die sich anboten, zur Aufklärung seines Verhaltens etwas beizutragen, finden kein Gehör.

Ein vorgeschobener Familienkonflikt veranlasste ihn eines Tages, von einen Tag auf den anderen mit seiner Familie das Elternhaus zu verlassen. Alles deutete darauf hin, dass es keine spontane Entscheidung, sondern von langer Hand geplant war. Von Stund an, finden auch jene Gehör die etwas über Rüdiger zu erzählen hatten. Es hieß, er habe enge Kontakte zum Rotlichtmilieu aufgebaut und Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Vier Monate nachdem er das Elternhaus verlassen hatte, entdeckte im Hochsommer 1968 ein Förster die Leiche meines neunundzwanzigjährigen Bruders in einem Walddickicht. Er saß auf dem Rücksitz eines gestohlenen Wagens. Ins Wageninnere geleitete Auspuffgase hatten ihn vergiftet. Ein Abschiedsbrief wurde nie gefunden.

Rest in peace, Rüdiger.

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