Onkel Hans

 

Meine Erinnerung an Onkel Hans kann ich mit wenigen Worten beschreiben. Er war groß, hatte volles pechschwarzes Haar und sah verdammt gut aus. Ach ja, nicht zu vergessen, er war arrogant, streitsüchtig und hatte bei unseren wenigen Begegnungen stets zuviel Alkohol getrunken. Ich sah ihn zuletzt 1973.

Ich mochte ihn nicht. Das er seine Ehefrau mehrfach betrog und fest davon überzeugt zu sein schien, dass sie seine Eskapaden schweigend zu ertragen hat, weil sie froh sein sollte, von einem so tollen Mannsbild wie er es war, geheiratet worden zu sein, nervte mich, wenn er selbstverliebt davon schwafelte.

Weitaus schlimmer war es aber für mich, wenn er von seiner schönen Zeit bei der Gestapo sprach und im gleichen Atemzug beteuerte, dass er dort nicht wirklich gerne die an ihn gestellten Aufgaben erledigte. Nachfragen zu diesen schizophren anmutenden Aussagen, verbat er sich.

So erfuhr ich auch nie, was der Grund dafür war, dass er trotz dieser widerwärtigen Vergangenheit, wenige Jahre nach Kriegsende, sich in einem kleinen Städtchen in Mecklenburg, mit einem Laden selbstständig machen durfte, in dem Zweiräder verkauft und repariert wurden, obwohl er kein Mitglied der SED war.

Als seine Frau sich von ihm scheiden ließ, weil sie seinen rücksichtslosen Narzissmus

nicht mehr ertrug, verlor er jeglichen Halt. Innerhalb weniger Jahre wurde aus dem einst so scheinbar selbstbewussten Mann ein seelisches und körperliches Wrack. Es hieß, er habe Emma, die zahnlose Alkoholikerin, die schon längst das Rentenalter erreicht hatte, wenige Monate nach seiner Scheidung geheiratet, weil er das Alleinsein nicht ertrug.

 

Kurz nach seinem sechzigsten Geburtstag verließ er abends seine 2 Zimmer Wohnung, um, wie er zu Emma sagte, sich Zigaretten zu holen. Nur er wird gewusst haben, ob das ursprünglich wirklich der Grund war.

Emma wartete in dieser Nacht vergeblich auf seine Rückkehr. Nur er wird vermutlich auch gewusst haben, weshalb er in einer kalten Winternacht beschloss, dass der Schnaps in einer Eckkneipe in Warnemünde die letzte Flüssigkeit sein sollte, die er freiwillig seinen Körper „passieren“ ließ, bevor das eiskalte Wasser der Ostsee in seine Lungen drang.

Keiner konnte die Frage beantworten, weshalb er sich für diesen letzten Weg entschieden hatte. Er hatte seinen Suizid nie vorher angekündigt, hatte auch keinen Abschiedsbrief hinterlassen.

s.“„Rest in peace Onkel Hans

 

 

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