Leseproben

Leseprobe 1

Was auch immer der Professor jetzt vorhat, egal, wohin ich jetzt mit ihm gehen soll, dachte Hannes, während er sich einen Kaffee einschenkte, ich werde ihn begleiten. Es ist unsere letzte gemeinsame Nacht und für mich die letzte Möglichkeit, ihm zu zeigen, wie sehr ich ihn schätze. „Hannes, ahnst du, womit ich mich heute tagsüber beschäftigt habe?“, fragte Jonathan. „Nein, keine Ahnung“, antwortete er und dachte, keiner kann ernsthaft behaupten, zu wissen, was Menschen fühlen, denken und machen, die das Licht am Ende des Tunnels schon diffus erkennen. Nicht einmal die, die Ähnliches schon erlebt haben, denn jedes Menschenkind hat seine eigene Lebensgeschichte. Individuen „ticken“ niemals gleich.

„Ich habe die Klampfe in die Hand genommen und einfach drauf los gespielt“, sagte Jonathan, „und, Hannes, es hat sich richtig scheiße angehört, aber es hat Spaß gemacht.“ Hannes war froh, dass Jonathan ihm nicht direkt gegenüber saß, sonst hätte er die volle Ladung Kaffee abbekommen, die er vor Lachen aus dem Mund prustete. Auch freute er sich darüber, dass er nicht überlegen brauchte, ob er die Frage nach einer Kostprobe des musikalischen Könnens stellen darf, weil Jonathan ungefragt zu spielen begann.

Er hätte später die Frage nicht beantworten können, wie lange Jonathan spielte und wann der Zeitpunkt einsetzte, als er zu weinen begann, während dieser wie in Trance spielte. Aus dem anfänglichen unsicheren, holperigen Gitarrenspiel wurde mit zunehmender Dauer ein geniales Bollwerk für die Ohren eines keineswegs unbegabten Rockmusikers, der Hannes nun einmal war. Möglich, dass er zu weinen anfing, als Jonathan plötzlich zu singen begann. Seine eingeschränkte Mimik ließ leider nur noch erahnen, mit wie viel Leidenschaft er früher auf der Bühne gesungen haben muss. Wie grausam muss es für dich sein, Professor, dass deine leise, brüchige Stimme nicht ausdrücken kann, was du jetzt fühlst, dachte Hannes.

Als Jonathan völlig erschöpft die Gitarre zur Seite legte und Hannes verlegen anschaute, begann dieser lautstark zu klatschen und schämte sich nicht für seine Tränen der Ergriffenheit. Es dauerte etwas länger, bis beide wieder in der Lage waren, ihre Gefühle zu kontrollieren. Hannes brach das Schweigen als Erster, indem er sagte: „Jonathan, wenn du willst, dass ich keinem erzähle, was ich eben gesehen und gehört habe, verspreche ich dir, mich daran zu halten. Wenn dir aber daran gelegen ist, dass ich es Menschen erzähle, die von der gleichen Krankheit betroffen sind wie du, werde ich es allzu gerne weitergeben. Ob man mir glauben wird, weiß ich nicht. Für mich wäre es vor einer Stunde auch unvorstellbar gewesen.“

Jonathan antwortete: „Du darfst es erzählen, Hannes, aber sag den Leuten bitte auch, dass ich erst in dem Moment Spaß daran gehabt habe, als ich akzeptieren konnte, dass manche Dinge trotzdem unwiederbringlich verloren sind. Für `House of the rising sun `hatte es gereicht, nicht mehr für Hendrix.

Leseprobe 2

Es war am 04. Oktober 1970, als sie gemeinsam in seiner kleinen Dachgeschosswohnung im Bett lagen und in den Nachrichten hörten, dass Janis Joplin tot ist. Er wusste, wie sehr Christine die Frau verehrte, die mit aller Entschlossenheit und ihrer unnachahmlichen Stimme gegen die verlogene Moral des christlich patriotischen Bürgertums der USA rebellierte und wie sich solch ein Schmerz anfühlt. Erst siebzehn Tage vorher, verstarb Jimi Hendrix. Jonathan gehörte zu den Millionen Fans weltweit, die diesen Menschen nicht nur verehrten, weil er ein begnadeter Gitarrist war. Sie betrauerten seinen Tod auch deshalb so sehr, weil er zu den musikalischen Pionieren der Flower Power Bewegung gehörte und offen gegen den Vietnamkrieg rebellierte. Spektakulär war sein Auftritt in Woodstock, als er die amerikanische Nationalhymne spielte und seiner Gitarre verzerrte und jaulende Töne „entlockte“ um fallende und explodierende Bomben auf Vietnam zu imitieren. Den Kriegstreibern im „Weißen Haus“ war er genauso ein Dorn im Auge, wie der populäre Boxer und Kriegsdienstverweigerer Mohammed Ali, Geburtsname Cassius Clay. Er hatte die Staatsmacht der USA mit folgenden Worten erschüttert: „ Nein ich werde nicht 10.000 Meilen von zu Hause entfernt helfen, eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren über die dunklen Völker sichern zu helfen!“ Man verurteilte ihn dafür zu 10.000 Dollar Geldstrafe und fünf Jahre Knast. Die Verurteilung stieß nicht nur in den USA bei großen Teilen der Bevölkerung auf Empörung und Widerstand. Der weltweite Druck von Kriegsgegnern veranlasste die amerikanischen Richter, ihn nach wenigen Monaten gegen Kaution auf freien Fuß zu lassen. Sie ließen sich stattdessen etwas einfallen, was Ali schwerer traf. Ihm wurde der Weltmeisterschaftstitel im Schwergewicht aberkannt. Mit dieser Niedertracht zeigten sie deutlich, wie sehr es sie verärgerte, dass die Nachkommen amerikanischer Sklaven in ihren Augen so verdammt undankbar waren. Schließlich wurde im Jahre 1865 nach „nur“ 246 Jahren grausamer Leibeigenschaft die Sklaverei offiziell in den Vereinigten Staaten von Amerika abgeschafft und sie durften sich freie Bürger nennen. Das Janis Joplin, die nie einen Hehl daraus machte, wie sehr sie es hasste, dass sich für einen Großteil der Amerikaner nichts daran geändert hatte, Menschen deren Hautfarbe nicht weiß war, als Rechtlose zu betrachten, nun auch tot war, erschütterte Millionen „Blumenkinder“.

Christine hatte seit der Nachricht kein Wort gesagt, lag noch genauso eingekuschelt in seinen Armen, wie vor der traurigen Berichterstattung und ließ schweigend ihren Tränen freien Lauf. Behutsam nahm er ihren Kopf von seiner Brust und stand auf. Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie ihn beobachtete. Er hatte ein gerahmtes Foto von Che Guevara, dass neben einem Bild von Jimi Hendrix auf der billigen Sperrholzplatte, die ihm als Schreibtischersatz diente, gegen ein Plattencover von Janis ausgetauscht und davor brennende Teelichte gestellt. Danach legte er eine Langspielplatte von ihr auf, schnappte sich eine Flasche billigen Rotwein und krabbelte wieder zu Christine in das kuschelige Bett. Schweigend lagen sie nebeneinander und leerten die Flasche, während Janis die Geschichte von sich und Bobby McGee sang. Bei der zweiten Flasche erzählte Hendrix Gitarre von Mary. Als Jonathan mit der dritten Flasche ins Bett kam, befand sich Christine auf dem Weg in Morpheus Arme. Er erwiderte ihr Lächeln, als sie schlaftrunken nuschelte: „ Gute Nacht Bobby.“

Kommentare sind geschlossen.