DIRK

 

Weshalb Dirk und seine ältere Schwester bei den Großeltern aufwuchsen, hat er möglicherweise gewusst, gesprochen hat er darüber aber nie.

Er liebte seinen Großvater sehr.

Der alte Mann hatte das Konzentrationslager überlebt, in das er 1 Jahr vor Kriegsende wegen antifaschistischer Propaganda deportiert wurde.

Meine Eltern sahen es nicht gerne, dass Dirk zu der großen Clique von jungen Menschen aus unserer Nachbarschaft gehörte, zu der auch ich mich zugehörig fühlte. Mein Vater ließ verlauten, er sei kein guter Umgang für mich. Meine Frage nach dem Warum, blieb diesbezüglich unbeantwortet.

Meine Mutter, an deren braunem Gedankengut sich auch nach Kriegsende nichts geändert hatte, wurde stattdessen deutlicher.

Mit wenigen Worten erklärte sie mir, weshalb Dirk kein netter Junge ist. :“ Sein Opa war ein Kommunist, den Taugenichts haben sie ins KZ gesteckt. Der Junge ist genauso wie der Alte.“

 

Dirk war älter als ich. Während ich noch drei Jahre „Schulbank drücken“ vor mir hatte, begann er eine Maurerlehre.

Eines Tages erschien er nicht mehr an dem Ort, wo die Clique sich täglich traf. Keiner wusste wo er war. Weder ich, noch die anderen trauten sich seine Großeltern zu fragen. Offensichtlich hatten sich auch die anderen von ihren Erziehungsberechtigten anhören müssen, dass Dirks introvertierter Großvater, der als Folge von Misshandlungen im KZ nur noch ein Auge hatte und hinkte, ein Taugenichts ist, dem man aus dem Wege gehen soll.

Es dauerte einige Monate, bis mir bewusst wurde, dass die tratschenden Weiber in den Kaufmannsläden von Dirk sprachen, wenn sie sich empörten, dass die Strafe für den Mörder zu gering ausgefallen sei. Das Schwein gehört lebenslänglich ins Zuchthaus hieß es, und das er seinen besten Freund ermordet hat.

In meiner Erinnerung war es ungefähr ein Jahr, als Dirk plötzlich wieder auftauchte. Es war kurz nach meinem sechzehnten Geburtstag. Unsere Clique hatte sich inzwischen dezimiert. Einige besuchten das Gymnasium, hielten sich plötzlich für was Besseres. Sie machten bei unserem Anblick einen Umweg. Andere waren weggezogen.

Es war ein sehr bewegender Moment, als Dirk auf unser Drängen nach der Erklärung für seine lange Abwesenheit, mit Tränen in den Augen zu erzählen begann.

Er hatte drei Jahre zuvor in der Berufsschule einen jungen Mann kennen gelernt, zu dem er sich sehr hingezogen fühlte. Dieser kam aus einer gebildeten Familie. Er sollte auf Geheiß seines Vaters eine Maurerlehre machen, bevor er Architektur studiert. Es war geplant, dass er nach dem Studium in die Firma seines Vaters, einem renommierten Architekten, einsteigt.

Keiner aus der Clique wusste bis dato von der Existenz dieses Freundes. Er hatte ihn verheimlicht, weil er glaubte, es könnte seinem Rockerimage schaden. Auch hatte er nie verlauten lassen, dass seine „Lieblingslektüre“ nicht mehr die illustrierten Prinz Eisenherz Hefte waren, sondern anspruchsvolle zeitgenössische Literatur.

Dirk und sein Freund waren betrunken, als sie eines Abends beschlossen mit der Nobelkarosse vom Vater seines Freundes in die Stadt zu fahren. Sie warteten, bis dieser eingeschlafen war. Keiner von ihnen hatte einen Führerschein. Im Vollrausch war Dirk aber davon überzeugt, wer Moped fahren kann und seinen Arbeitskollegen beim Autofahren lange genug zugeschaut hat, wird auch Auto fahren können.

An das, was danach geschah, hatte er später nur noch schemenhafte Erinnerungen.

Im Prozess hieß es später, er hätte bei einem Wendeversuch die Gänge verwechselt und seinen Freund überfahren, der hinter dem Wagen stand.

 

Es brauchte noch einige Monate, bis ich mir eingestand was der Grund dafür war, weshalb

mein Herz unruhig zu klopfen begann, sobald Dirk nicht gleich nach der Arbeit zu unserem Treff kam.

Anfangs war unsere Beziehung sehr aufregend. Wir waren „unsterblich“ ineinander verliebt und ich hing an seinen Lippen, wenn er mir erzählte, was er von Camus, Kafka, Sartre und Hermann Hesse gelesen hatte. Mit ihm zusammen demonstrierte ich zum ersten Mal in meinem Leben gegen eine Kundgebung der NPD in unserer Stadt. Ich rauchte meinen ersten Joint und teilte seine Begeisterung für die Band *Black Sabbat.*

Ich hatte damals keine Ahnung was eine reaktive Depression ist. Er erzählte mir, dass keine Nacht verging, in der er nicht schweißgebadet und weinend aufwacht, weil ihm im Traum sein Freund erscheint, der ihn traurig anschaut und nur ein einziges Wort sagt. :“Warum?“

Anfangs tat er mir unendlich leid. Das änderte sich aber, als er immer wortkarger wurde und kein Tag verging, an dem er mir nicht drohte sich umzubringen, wenn ich ihn verlasse.

Die Psychosomatisierung verlief anfangs ganz schleichend. Anfänglich waren es Kopfschmerzen. Nach wenigen Monaten gab es kaum noch ein Organ, dass ihm keine Schmerzen bereitete. Kein Arzt der Welt, nur Alkohol und Cannabis würden ihm helfen den Tag schmerzfrei zu ertragen, sagte er stets weinerlich, wenn ich ihn bat einen Arzt zu konsultieren. Nach einem Jahr war ich nicht mehr Willens an unserer Beziehung festzuhalten. Er nahm es inzwischen recht gelassen hin, zumindest drohte er nicht mit Suizid.

 

Als ich ihn einige Jahre später zufällig wieder traf, hatte er nichts mehr von dem, was mich einst an ihm faszinierte. An Stelle seines früheren Stolzes und der Art redegewandt zu philosophieren, bestimmte dümmliche Prahlerei über Apothekenaufbrüche und Knastaufenthalte sein Wesen. Das änderte sich auch nur geringfügig, als er sich verliebte, heirate und Vater wurde.

 

Zuletzt sah ich ihn zufällig kurz nach seinem 28jährigen Geburtstag, als ich in der Stadt Einkäufe tätigte. Er habe ein Problem und braucht dringend meinen Rat, sagte er. Obwohl er ausnahmsweise mal nicht betrunken zu sein schien, gab ich vor keine Zeit zu haben. Ich vermutete, es sei ein vorgeschobenes Problem und das es letztlich nur darum ging, mal wieder in Selbstmitleid zu zerfließen. Dass es in seiner Ehe kriselte, hatte ich bereits gehört.

 

Wenige Wochen später erfuhr ich, dass er offensichtlich auf der „sicheren Seite“ sein wollte, als er sich entschloss seinem Freund zu folgen.

Er war noch nicht tot, nachdem er sich von einer Brücke gestürzt hatte und man ihn in einem fast ausgetrockneten Flussbett fand.

Die Obduktion ergab, dass er zuvor nicht nur Alkohol getrunken und gekifft hatte. Er hatte sich zusätzlich einen Cocktail mit E 605 (Rattengift) „genehmigt“.

 

Rest in peace, Dirk.

 

 

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3 Responses to DIRK

  1. Viktor sagt:

    Hallo,
    ich bin eigentlich eher durch Zufall auf Ihre Seite gekommen. Nachdem ich mich ein wenig durchgelesen habe, muss ich sagen Ihre Seite gefällt mir sehr. Ich werde in Zukunft öfters mal vorbei schauen!

    Viele Grüße aus Sinsheim

    • Vielen Dank Victor. Schön, dass der Zufall Sie auf meine Seite geführt hat. Wobei ich ehrlich gesagt, nicht so Recht an Zufälle glaube. Ich hoffe sehr, dass ich Sie auch zukünftig mit weiteren Geschichten aus dem wahren Leben nicht enttäuschen werde.
      MfG
      Christiane Helms

    • Nikunj sagt:

      ich denke also bin ich ?erwachte ich aus einem Traum oder ist es doch Realität. Im Traum dachte ich an jene welche im Koma liegen. Träumen sie, denken Sie sind sie ? Ein Hirn nur blieb, einsam im Behälter der Nährstoffe, losgelöst vom Körpertemperatur. Was denkt es? Lebt es real in einer Scheinwelt .
      Ich denke also bin ich nur, wo, wie und wer ? Alles scheint Realität zu sein.
      Kannst Du mir sagen, wo ich stehe wo ich bin ?
      Und Du nennst Fakten erklärst, versuchst zu überzeugen. Bist Du nicht Bestandteil meines Traumes?
      Oder bin ich Bestand Deiner “ Realität “ ?

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