Bodo

war noch kein Jahr auf dem Planet Erde, als seine Eltern sich scheiden ließen. Er wuchs ohne seinen Vater auf.

Zu beurteilen, ob er in diesem Alter schon den typischen Trennungsschmerz spürte, über die Psychiater und Psychologen bei der Behandlung von traumatisierten Scheidungskindern berichten, überlasse ich Fachleuten.

Die ersten Jahre lebte er bei seiner Mutter. Allerdings sah diese bei seiner Einschulung ein, dass es für ihn besser ist, wenn er zukünftig von seiner Großmutter betreut wird. Ihre umtriebige Lebenslust nach dem verlorenen Krieg, ließ sie nur allzu oft vergessen, was Verantwortung und liebevolle Erziehung bedeuten.

Bodo liebte seine Großmutter und war ihr dankbar dafür, dass sie sich selbstlos und verantwortungsvoll um ihn kümmerte. Dennoch, sie konnte nicht den Schmerz ausmerzen, den er spürte, wenn andere Kinder ihn gnadenlos verspotteten. Sie nannten seinen Vater  einen Staatsfeind  der DDR, weil er als Polizeibeamter in den Diensten der verfeindeten Bundesrepublik Deutschland stand.

Obwohl sein Vater, aus welchen Gründen auch immer, nie Kontakt zu ihm aufgenommen hatte,  behauptete Bodo vehement das Gegenteil. Auch dann noch, als seine Freunde ihn spöttisch fragten, weshalb er „ Ost- Nietenhosen“ trägt, anstatt eine der begehrten Original Jeans. Es muss doch eine Kleinigkeit für deinen Vater sein dir eine  Lee zu schicken, spotteten sie.

Bereits mit 15 Jahren probierte er regelmäßig, seinen Schmerz mit billigem Fusel „wegzusaufen“. Es folgte eine rebellische „Karriere“, die ihn für mehrere Jahre ins Zuchthaus Bautzen brachte.

Als er aus der berüchtigten Zuchtanstalt entlassen wird, verlässt er sie keineswegs als geläuterte Bürger des „sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaats“, sondern als psychisch gebrochener junger Mann. Seinen einzigen „Trost“ findet er erneut beim verführerischen „Bruder Alkohol“. Unter dessen Einfluss zeugt er einen Sohn und verspricht der Mutter des Kindes die Ehe. Ob er ernsthaft vorhatte, jemals sein Versprechen einzulösen, wusste nur er allein. Die Ehe wurde jedenfalls nie geschlossen, weil die Kindsmutter ihn wenige Monate nach der Geburt verließ. Sie konnte sein quälerisches Selbstmitleid und die verbalen Ausraster nicht ertragen.

Ich liebte meinen 13 Jahre älteren Bruder.  Wenn ich in den Ferien meine Großeltern besuchte, nahm ich weder depressive, noch aggressive Stimmungen bei ihm wahr. Für mich war er immer der große Bruder, dem ich  vertraute, der unsere  wenigen Begegnungen kurzweilig und fröhlich  gestaltete.  Ich glaubte nichts von dem, was über ihn erzählt wurde. Schon gar nicht, dass er in Bautzen eingesessen haben soll, weil man ihn wegen Mordes an einen Kumpel, aus der von ihm selbst gegründeten Jugendbande (Tigerboys), verurteilt hatte.

Zuletzt sah ich ihn 1973. Er war damals 33 Jahre alt. Der jahrelange Alkoholmissbrauch und die unerfüllte Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung  hatten ihn gezeichnet. Er sah aus, wie ein alter Mann. Sein Gesicht war aschfahl und faltig. Im Oberkiefer fehlten zwei Zähne.

Mein Cousin erzählte mir, dass Bodo seine Alkoholsucht damit finanzierte, sich  von älteren Frauen aushalten zu lassen. Ob er deren Libido, oder ihren Mutterinstinkt befriedigte, sie möglicherweise auch nur davon angetan waren, dass er dem Rockidol Elvis Presley ähnlich sah, bleibt zumindest für mich eine unbeantwortete Frage.

Obwohl er dem Alkohol nie abgeschworen hatte, bekam er nach dem Mauerfall  eine Anstellung als Montagearbeiter auf der Insel Amrum. Ich verstand nicht, weshalb er nicht umsetzte, wovon er mir früher erzählte. Wenn wir ein vereintes Deutschland haben, werde ich sofort zu dir kommen, hatte er immer gesagt.

Wenige Wochen später wurde seine Leiche am Strand von Warnemünde gefunden. Er wurde nur 49 Jahre alt. Es hieß, er habe sich mit dem „Genuss“ von Alkohol und reinem Spiritus getötet.

 

„ Rest in peace Bodo.“

 

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