Thomas

Es war Anfang der siebziger Jahre, als ich Thomas zum ersten Mal in meiner Lieblingskneipe sah.

Für die meisten Studenten galt schon wenige Wochen nach Studienbeginn, dass der regelmäßige Besuch dieser Szenekneipe mit seiner unterschiedlichen Klientel, ein ungeschriebenes Gesetz ist.

Aufgrund seines Alters glaubte ich, Thomas sei einer von den „ewigen“ Studenten die nach etlichen Semestern noch immer immatrikuliert waren und zwischenzeitlich mehr oder weniger orientierungslos ihren Lebensunterhalt in der Gastronomie, oder als Taxifahrer bestritten.

Obwohl Thomas  mit den stadtbekannten „Weltverbesserern“ an einem Tisch saß, beteiligte er sich nie an den Streitgesprächen derer, die in den unterschiedlichsten K- Gruppen anzutreffen waren.

Gemeinsam beriefen sie sich auf den Marxismus/ Leninismus, hatten aber unterschiedliche Auffassungen darüber, wer ihr persönlicher „Lehrmeister“ ist. In unzähligen Diskussionen wurden Mao, Stalin und Enver Hodger lautstark als Vorbilder im Kampf gegen die herrschende kapitalistische Klasse zitiert.

Mir ging die selbsternannte „Vorhut der Revolution“ mit ihren wortgewandten Profilneurotikern immer tierisch auf die Nerven. Ich hatte stets das Gefühl, sie redeten nur um des Redens Willen. Es schien, als seien sie gar nicht daran interessiert, einen gemeinsamen Nenner zu finden.

Ich habe keine Erinnerung mehr daran, was die ersten Worte waren, die Thomas an dem Abend an mich richtete. Es war für mich aber Anlass genug, viele Wochen folgen zu lassen, in denen wir beide stundenlang über „Gott und die Welt“ sprachen.

Ich genoss jede Minute, in denen wir Himmel hoch jauchzend, oder zu Tode betrübt über den Sinn des Lebens „philosophierten.“

Ich liebte es, wenn er mir in unseren Gesprächen zärtlich über den Kopf streichelte, meine Wange tätschelte, oder mich beim Abschied herzlich umarmte. All seine Berührungen hatten eine unverfängliche Reinheit. Mitunter beschlich mich das Gefühl, wir kannten uns aus einem früheren Leben.

Eines Tages fragte er mich, ob ich Lust hätte, als sein persönlicher Gast ins Städtische Theater zu kommen, wo er eine Rolle in dem Stück: *Woyzeck* von Georg Büchner spielt. Obwohl ich mich über die Einladung sehr freute, fand ich es schon befremdlich, dass ich bis dato nicht wusste, was er beruflich macht. Irgendwie war es nie ein Thema unserer vertrauten Gespräche. Auch hatte ich mir Gedanken darüber gemacht, weshalb er nie vor Mitternacht in die Kneipe kam.

Nach der Vorstellung kam er sofort zu mir und bat mich auf ihn zu warten, bis er abgeschminkt und umgezogen ist. Die Quintessenz des Theaterstücks und das Erschrecken darüber, ihn aufgrund seiner überzeugenden schauspielerischen Leistung plötzlich anders wahrzunehmen, machten mich traurig. Meine Emotionen waren unterschiedlicher Natur, hatten aber eine Gemeinsamkeit. Sie waren gnadenlos.

Ich spürte, dass nichts mehr zwischen uns sein wird, wie es mal war. Ich fühlte mich von ihm verraten.

Eifersucht überkam mich, weil ich befürchtete die stehenden Ovationen die er für seine Leistung nach der Vorstellung erhielt, würden ihm mehr bedeuten als unsere Freundschaft. Alleine sein und Ordnung in meine verwirrten Gefühle bringen, nur das war mir in dem Moment wichtig, als er mich überglücklich in die Arme nahm.

Allerdings war ich nicht in der Lage es zu sagen. Stattdessen klagte ich über plötzliche Kopfschmerzen. Ich werde erst mal nach Hause gehen und mir eine Kopfschmerztablette einklinken, und, dass wir uns später bestimmt noch sehen, hatte ich ihm gesagt, bevor ich ging. Ich glaubte an seinen traurigen Augen ablesen zu können, wie sehr ihn meine Lüge verletzte. Nicht, weil er den Abend möglicherweise mit mir anders ausklingen lassen wollte, sondern, weil ich ihn belogen hatte.

Die klare Luft auf dem nächtlichen Nachhauseweg, brachte ebenso wenig Klarheit in meine verwirrten Gefühle, wie das Grübeln am Küchentisch. Deshalb beschloss ich in die Kneipe zu gehen und mit Thomas darüber zu reden.

Als ich dort eintraf, begriff ich sofort, dass ich offensichtlich die Einzige bin, die nicht wusste, dass er Schauspieler ist. Von allen Seiten kamen die Leute um ihm zu sagen, wie sehr ihnen sein Auftritt gefallen hat. Es erfreute mich, dass er so in Beschlag genommen wurde und die Komplimente offensichtlich genoss. Sein scheinbar bekümmertes Schulterzucken darüber, nicht sofort bei mir sein zu können, erwiderte ich mit einem vorgetäuschten verstehenden Augenzwinkern, bevor ich ging.

 

Als er mich am nächsten Abend zur Begrüßung herzlich umarmte, spürte ich sofort, dass ihn etwas bedrückte. Mein Vorsatz, mit ihm über meine noch immer unsortierten Gefühle zu sprechen, verflog augenblicklich. Wir saßen einige Minuten schweigend nebeneinander, bevor er zu sprechen begann.

In dieser Nacht begriff ich, was mich immer irritiert hatte, wenn wir gemeinsam redeten und lachten. Stets legte sich ein melancholischer Schleier über seine lachenden Augen. Thomas erzählte mir, dass er nicht nur von seinen Schauspielerkollegen, sondern auch von allen anderen Mitarbeitern des Theaters geschnitten wird. Er war fest davon überzeugt, dass es dafür nur zwei Gründe gab. Er war schwul und hatte jüdische Eltern.

Für mich war sehr schwer vorstellbar, dass es Menschen gab, die ihn für seine biologischen Wurzeln und seine Sexualität verachteten. Ich sagte ihm, dass diese Menschen es nicht wert sind, auf seine Befindlichkeit Einfluss zu nehmen.

Seine Augen verrieten mir, dass meine Worte ihn nicht überzeugt hatten.

 

In den folgenden Monaten sprachen wir noch öfter über das Verhalten seiner Kollegen. Meinen Rat, die Meinung dieser Menschen entweder zu ignorieren, oder sie gezielt anzusprechen, hörte er sich stets mit einem scheinbar verstehenden Lächeln an. Umgesetzt hat er davon aber nichts. Obwohl ich ihn natürlich weiterhin sehr mochte, machte mich seine Hypothese, man könne an dem unwürdigen Zustand nichts ändern, traurig und wütend zugleich.

 

Etwa ein halbes Jahr nach seinem „Outing“ lud er mich wieder ein, sein Gast zu sein.

Diesmal besuchte ich das Theater mit hohen Erwartungen bezüglich seiner Schauspielkunst. Es wurde *Ein Bericht an eine Akademie* von Franz Kafka gespielt.

Die stehenden Ovationen schienen nicht enden zu wollen. An diesem Abend wartete ich auf ihn. Als wir in der Kneipe ankamen, schienen sich all seine Kollegen versammelt zu haben. Die Wirtin hatte alle Hände voll zu tun, für die vielen Blumen die er bekam, Gefäße zu finden.

Nach etwa vier Stunden in denen ich mich mehr als er über die Lobhudeleien seiner schauspielerischen Leistung zu freuen schien, verabschiedete ich mich von ihm.

Er bat mich inständig zu bleiben, weil er sich so alleine fühle unter den vielen Menschen, sagte er.  Ich lehnte es ab, weil ich wirklich saumüde war und nicht begriff, was er mit dieser Aussage möglicherweise  ausdrücken wollte.

Ich hörte ihn in dieser Nacht nur ein einziges Mal meinen Namen rufen, als er vor meinem Haus stand.

In den frühen Morgenstunden klingelte mich meine Vermieterin aus dem Bett. Sie beklagte sich, die ganze Nacht kein Auge zugemacht zu haben, weil ein Verrückter ständig meinen Namen rief. Als ich beteuerte, von all dem nichts mitbekommen zu haben, sagte sie entrüstet:“ Na dann haben sie ja gut ausgeschlafen. Dann schnappen sie sich mal gleich einen Besen und machen den Dreck weg, den der Bekloppte vorm Haus hinterlassen hat:“

Ich war entsetzt, als ich die Haustür öffnete. All die vielen schönen Blumen die Thomas am Vorabend geschenkt bekommen hatte, lagen dort. Er hatte sie alle geköpft. Ob es außer verletzter Eitelkeit noch etwas gab, was ihn veranlasste seine Gefühle so drastisch auszuleben, wollte ich am Abend von ihm erfahren.  Ich nahm mir ernsthaft vor, ihm  die Leviten zu lesen.

Thomas kam weder an diesem Abend, noch am nächsten.

Als ich mich am dritten Tag aufmachte ihn zu besuchen, erzählte mir seine Hauswirtin, dass er sich erhängt hatte.

Ich war zwanzig Jahre alt und wollte nicht wissen, wann genau das war.

 

Rest in peace, Thomas

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Onkel Hans

 

Meine Erinnerung an Onkel Hans kann ich mit wenigen Worten beschreiben. Er war groß, hatte volles pechschwarzes Haar und sah verdammt gut aus. Ach ja, nicht zu vergessen, er war arrogant, streitsüchtig und hatte bei unseren wenigen Begegnungen stets zuviel Alkohol getrunken. Ich sah ihn zuletzt 1973.

Ich mochte ihn nicht. Das er seine Ehefrau mehrfach betrog und fest davon überzeugt zu sein schien, dass sie seine Eskapaden schweigend zu ertragen hat, weil sie froh sein sollte, von einem so tollen Mannsbild wie er es war, geheiratet worden zu sein, nervte mich, wenn er selbstverliebt davon schwafelte.

Weitaus schlimmer war es aber für mich, wenn er von seiner schönen Zeit bei der Gestapo sprach und im gleichen Atemzug beteuerte, dass er dort nicht wirklich gerne die an ihn gestellten Aufgaben erledigte. Nachfragen zu diesen schizophren anmutenden Aussagen, verbat er sich.

So erfuhr ich auch nie, was der Grund dafür war, dass er trotz dieser widerwärtigen Vergangenheit, wenige Jahre nach Kriegsende, sich in einem kleinen Städtchen in Mecklenburg, mit einem Laden selbstständig machen durfte, in dem Zweiräder verkauft und repariert wurden, obwohl er kein Mitglied der SED war.

Als seine Frau sich von ihm scheiden ließ, weil sie seinen rücksichtslosen Narzissmus

nicht mehr ertrug, verlor er jeglichen Halt. Innerhalb weniger Jahre wurde aus dem einst so scheinbar selbstbewussten Mann ein seelisches und körperliches Wrack. Es hieß, er habe Emma, die zahnlose Alkoholikerin, die schon längst das Rentenalter erreicht hatte, wenige Monate nach seiner Scheidung geheiratet, weil er das Alleinsein nicht ertrug.

 

Kurz nach seinem sechzigsten Geburtstag verließ er abends seine 2 Zimmer Wohnung, um, wie er zu Emma sagte, sich Zigaretten zu holen. Nur er wird gewusst haben, ob das ursprünglich wirklich der Grund war.

Emma wartete in dieser Nacht vergeblich auf seine Rückkehr. Nur er wird vermutlich auch gewusst haben, weshalb er in einer kalten Winternacht beschloss, dass der Schnaps in einer Eckkneipe in Warnemünde die letzte Flüssigkeit sein sollte, die er freiwillig seinen Körper „passieren“ ließ, bevor das eiskalte Wasser der Ostsee in seine Lungen drang.

Keiner konnte die Frage beantworten, weshalb er sich für diesen letzten Weg entschieden hatte. Er hatte seinen Suizid nie vorher angekündigt, hatte auch keinen Abschiedsbrief hinterlassen.

Rest in peace,  Onkel Hans“

 

 

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DIRK

 

Weshalb Dirk und seine ältere Schwester bei den Großeltern aufwuchsen, hat er möglicherweise gewusst, gesprochen hat er darüber aber nie.

Er liebte seinen Großvater sehr.

Der alte Mann hatte das Konzentrationslager überlebt, in das er 1 Jahr vor Kriegsende wegen antifaschistischer Propaganda deportiert wurde.

Meine Eltern sahen es nicht gerne, dass Dirk zu der großen Clique von jungen Menschen aus unserer Nachbarschaft gehörte, zu der auch ich mich zugehörig fühlte. Mein Vater ließ verlauten, er sei kein guter Umgang für mich. Meine Frage nach dem Warum, blieb diesbezüglich unbeantwortet.

Meine Mutter, an deren braunem Gedankengut sich auch nach Kriegsende nichts geändert hatte, wurde stattdessen deutlicher.

Mit wenigen Worten erklärte sie mir, weshalb Dirk kein netter Junge ist. :“ Sein Opa war ein Kommunist, den Taugenichts haben sie ins KZ gesteckt. Der Junge ist genauso wie der Alte.“

 

Dirk war älter als ich. Während ich noch drei Jahre „Schulbank drücken“ vor mir hatte, begann er eine Maurerlehre.

Eines Tages erschien er nicht mehr an dem Ort, wo die Clique sich täglich traf. Keiner wusste wo er war. Weder ich, noch die anderen trauten sich seine Großeltern zu fragen. Offensichtlich hatten sich auch die anderen von ihren Erziehungsberechtigten anhören müssen, dass Dirks introvertierter Großvater, der als Folge von Misshandlungen im KZ nur noch ein Auge hatte und hinkte, ein Taugenichts ist, dem man aus dem Wege gehen soll.

Es dauerte einige Monate, bis mir bewusst wurde, dass die tratschenden Weiber in den Kaufmannsläden von Dirk sprachen, wenn sie sich empörten, dass die Strafe für den Mörder zu gering ausgefallen sei. Das Schwein gehört lebenslänglich ins Zuchthaus hieß es, und das er seinen besten Freund ermordet hat.

In meiner Erinnerung war es ungefähr ein Jahr, als Dirk plötzlich wieder auftauchte. Es war kurz nach meinem sechzehnten Geburtstag. Unsere Clique hatte sich inzwischen dezimiert. Einige besuchten das Gymnasium, hielten sich plötzlich für was Besseres. Sie machten bei unserem Anblick einen Umweg. Andere waren weggezogen.

Es war ein sehr bewegender Moment, als Dirk auf unser Drängen nach der Erklärung für seine lange Abwesenheit, mit Tränen in den Augen zu erzählen begann.

Er hatte drei Jahre zuvor in der Berufsschule einen jungen Mann kennen gelernt, zu dem er sich sehr hingezogen fühlte. Dieser kam aus einer gebildeten Familie. Er sollte auf Geheiß seines Vaters eine Maurerlehre machen, bevor er Architektur studiert. Es war geplant, dass er nach dem Studium in die Firma seines Vaters, einem renommierten Architekten, einsteigt.

Keiner aus der Clique wusste bis dato von der Existenz dieses Freundes. Er hatte ihn verheimlicht, weil er glaubte, es könnte seinem Rockerimage schaden. Auch hatte er nie verlauten lassen, dass seine „Lieblingslektüre“ nicht mehr die illustrierten Prinz Eisenherz Hefte waren, sondern anspruchsvolle zeitgenössische Literatur.

Dirk und sein Freund waren betrunken, als sie eines Abends beschlossen mit der Nobelkarosse vom Vater seines Freundes in die Stadt zu fahren. Sie warteten, bis dieser eingeschlafen war. Keiner von ihnen hatte einen Führerschein. Im Vollrausch war Dirk aber davon überzeugt, wer Moped fahren kann und seinen Arbeitskollegen beim Autofahren lange genug zugeschaut hat, wird auch Auto fahren können.

An das, was danach geschah, hatte er später nur noch schemenhafte Erinnerungen.

Im Prozess hieß es später, er hätte bei einem Wendeversuch die Gänge verwechselt und seinen Freund überfahren, der hinter dem Wagen stand.

 

Es brauchte noch einige Monate, bis ich mir eingestand was der Grund dafür war, weshalb

mein Herz unruhig zu klopfen begann, sobald Dirk nicht gleich nach der Arbeit zu unserem Treff kam.

Anfangs war unsere Beziehung sehr aufregend. Wir waren „unsterblich“ ineinander verliebt und ich hing an seinen Lippen, wenn er mir erzählte, was er von Camus, Kafka, Sartre und Hermann Hesse gelesen hatte. Mit ihm zusammen demonstrierte ich zum ersten Mal in meinem Leben gegen eine Kundgebung der NPD in unserer Stadt. Ich rauchte meinen ersten Joint und teilte seine Begeisterung für die Band *Black Sabbat.*

Ich hatte damals keine Ahnung was eine reaktive Depression ist. Er erzählte mir, dass keine Nacht verging, in der er nicht schweißgebadet und weinend aufwacht, weil ihm im Traum sein Freund erscheint, der ihn traurig anschaut und nur ein einziges Wort sagt. :“Warum?“

Anfangs tat er mir unendlich leid. Das änderte sich aber, als er immer wortkarger wurde und kein Tag verging, an dem er mir nicht drohte sich umzubringen, wenn ich ihn verlasse.

Die Psychosomatisierung verlief anfangs ganz schleichend. Anfänglich waren es Kopfschmerzen. Nach wenigen Monaten gab es kaum noch ein Organ, dass ihm keine Schmerzen bereitete. Kein Arzt der Welt, nur Alkohol und Cannabis würden ihm helfen den Tag schmerzfrei zu ertragen, sagte er stets weinerlich, wenn ich ihn bat einen Arzt zu konsultieren. Nach einem Jahr war ich nicht mehr Willens an unserer Beziehung festzuhalten. Er nahm es inzwischen recht gelassen hin, zumindest drohte er nicht mit Suizid.

 

Als ich ihn einige Jahre später zufällig wieder traf, hatte er nichts mehr von dem, was mich einst an ihm faszinierte. An Stelle seines früheren Stolzes und der Art redegewandt zu philosophieren, bestimmte dümmliche Prahlerei über Apothekenaufbrüche und Knastaufenthalte sein Wesen. Das änderte sich auch nur geringfügig, als er sich verliebte, heirate und Vater wurde.

 

Zuletzt sah ich ihn zufällig kurz nach seinem 28jährigen Geburtstag, als ich in der Stadt Einkäufe tätigte. Er habe ein Problem und braucht dringend meinen Rat, sagte er. Obwohl er ausnahmsweise mal nicht betrunken zu sein schien, gab ich vor keine Zeit zu haben. Ich vermutete, es sei ein vorgeschobenes Problem und das es letztlich nur darum ging, mal wieder in Selbstmitleid zu zerfließen. Dass es in seiner Ehe kriselte, hatte ich bereits gehört.

 

Wenige Wochen später erfuhr ich, dass er offensichtlich auf der „sicheren Seite“ sein wollte, als er sich entschloss seinem Freund zu folgen.

Er war noch nicht tot, nachdem er sich von einer Brücke gestürzt hatte und man ihn in einem fast ausgetrockneten Flussbett fand.

Die Obduktion ergab, dass er zuvor nicht nur Alkohol getrunken und gekifft hatte. Er hatte sich zusätzlich einen Cocktail mit E 605 (Rattengift) „genehmigt“.

 

Rest in peace, Dirk.

 

 

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Rüdiger

 

Rüdigers Vater wurde nur 29 Jahre alt. Ukrainische Partisanen hatten ihn 1939 mit einem Kopfschuss getötet. Unsere Mutter machte nie einen Hehl daraus, dass er ihr Lieblingskind war. In ihren Augen konnte ihm weder mein anderer Halbbruder noch ich das „Wasser reichen“. Es verging kein Tag an dem sie nicht erzählte, welch wunderschönem klugem und allseits beliebtem Geschöpf sie das Leben geschenkt hatte. Vermutlich glaubte er irgendwann selbst daran und konnte deshalb nicht verstehen, weshalb andere Menschen es aus den unterschiedlichsten Gründen, zu Recht anders sahen.

Seine Mutter war stolz darauf, dass er von den jungen Mädchen in den fünfziger Jahren umgarnt wurde. Es lag vermutlich nicht nur an der vagen Ähnlichkeit mit dem Hollywood- Idol James Dean, sondern eher daran, dass er ein vergleichbares Charisma hatte.

Für die männlichen Wegbegleiter seines Lebens war er stets der tolle Kumpel. Einer, mit dem man Pferde stehlen konnte, sagten sie.

Die unterhaltsame und abenteuerliche Seite des Lebens endete für Rüdiger abrupt, als er seiner Mutter erzählt, dass er sich ernsthaft verliebt hat und heiraten will. Weil er noch nicht volljährig war, benötigte er ihr Einverständnis. Beherrscht von der Angst, sie könnte ihren Sohn an eine andere Frau „verlieren“, bekommt sie einen Tobsuchtsanfall der in einer vorgetäuschten Ohnmacht endet. Obwohl ihm die hysterisch überlagerten Emotionen seiner Mutter nicht fremd sind, brauchte es noch einige Tage bis er ihr gesteht, seine Freundin geschwängert zu haben. Er war sich gewiss, dass es das einzige Argument war, was sie zum Umdenken anregen wird. Getrieben von der Scham, die Nachbarn könnten erfahren, das sich ihr Sohn nicht an die gottgewollten Gebote der Keuschheit gehalten und ein uneheliches Kind gezeugt hatte, erteilt sie der Ehe den mütterlichen Segen. Das Elternhaus wird ausgebaut und ihr „Kronprinz“ zieht mit seiner jungen Familie ein.

 

Warum auch immer Mutter und Sohn sich nicht voneinander abnabeln konnten, seiner Ehe tat es natürlich nicht gut. Die Frauen buhlten um seine Liebe, Streitereien beherrschten deren Alltag.

Als er zum dritten Male Vater wurde, veränderte sich sein Leben total. Vermutlich, um der häuslichen Umgebung zu entkommen, nimmt er neben seinem Beruf als Fahrlehrer bei der Bundeswehr, einen Zweitjob an. Er erzählt seiner Frau, dass er in wenigen Jahren als Taxifahrer so viel verdienen kann, dass sie bald ausziehen und ein eigenes Haus bauen können.

Keiner wagte sein Verhalten zu kritisieren, wenn er nach mehrstündigen Taxifahrten stets betrunken nach Hause kam. Die Mutter nicht, weil sie befürchtete, ein Streit könnte ihn veranlassen auszuziehen. Seine Frau nicht, weil sie befürchtete, der Traum vom Eigenheim könnte platzen.

Als er nachts immer seltener nach Hause kommt, wird auch darüber der Mantel des kollektiven Schweigens ausgebreitet. Menschen die sich anboten, zur Aufklärung seines Verhaltens etwas beizutragen, finden kein Gehör.

Ein vorgeschobener Familienkonflikt veranlasste ihn eines Tages, von einen Tag auf den anderen mit seiner Familie das Elternhaus zu verlassen. Alles deutete darauf hin, dass es keine spontane Entscheidung, sondern von langer Hand geplant war. Von Stund an, finden auch jene Gehör die etwas über Rüdiger zu erzählen hatten. Es hieß, er habe enge Kontakte zum Rotlichtmilieu aufgebaut und Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Vier Monate nachdem er das Elternhaus verlassen hatte, entdeckte im Hochsommer 1968 ein Förster die Leiche meines neunundzwanzigjährigen Bruders in einem Walddickicht. Er saß auf dem Rücksitz eines gestohlenen Wagens. Ins Wageninnere geleitete Auspuffgase hatten ihn vergiftet. Ein Abschiedsbrief wurde nie gefunden.

Rest in peace, Rüdiger.

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Bodo

war noch kein Jahr auf dem Planet Erde, als seine Eltern sich scheiden ließen. Er wuchs ohne seinen Vater auf.

Zu beurteilen, ob er in diesem Alter schon den typischen Trennungsschmerz spürte, über die Psychiater und Psychologen bei der Behandlung von traumatisierten Scheidungskindern berichten, überlasse ich Fachleuten.

Die ersten Jahre lebte er bei seiner Mutter. Allerdings sah diese bei seiner Einschulung ein, dass es für ihn besser ist, wenn er zukünftig von seiner Großmutter betreut wird. Ihre umtriebige Lebenslust nach dem verlorenen Krieg, ließ sie nur allzu oft vergessen, was Verantwortung und liebevolle Erziehung bedeuten.

Bodo liebte seine Großmutter und war ihr dankbar dafür, dass sie sich selbstlos und verantwortungsvoll um ihn kümmerte. Dennoch, sie konnte nicht den Schmerz ausmerzen, den er spürte, wenn andere Kinder ihn gnadenlos verspotteten. Sie nannten seinen Vater  einen Staatsfeind  der DDR, weil er als Polizeibeamter in den Diensten der verfeindeten Bundesrepublik Deutschland stand.

Obwohl sein Vater, aus welchen Gründen auch immer, nie Kontakt zu ihm aufgenommen hatte,  behauptete Bodo vehement das Gegenteil. Auch dann noch, als seine Freunde ihn spöttisch fragten, weshalb er „ Ost- Nietenhosen“ trägt, anstatt eine der begehrten Original Jeans. Es muss doch eine Kleinigkeit für deinen Vater sein dir eine  Lee zu schicken, spotteten sie.

Bereits mit 15 Jahren probierte er regelmäßig, seinen Schmerz mit billigem Fusel „wegzusaufen“. Es folgte eine rebellische „Karriere“, die ihn für mehrere Jahre ins Zuchthaus Bautzen brachte.

Als er aus der berüchtigten Zuchtanstalt entlassen wird, verlässt er sie keineswegs als geläuterte Bürger des „sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaats“, sondern als psychisch gebrochener junger Mann. Seinen einzigen „Trost“ findet er erneut beim verführerischen „Bruder Alkohol“. Unter dessen Einfluss zeugt er einen Sohn und verspricht der Mutter des Kindes die Ehe. Ob er ernsthaft vorhatte, jemals sein Versprechen einzulösen, wusste nur er allein. Die Ehe wurde jedenfalls nie geschlossen, weil die Kindsmutter ihn wenige Monate nach der Geburt verließ. Sie konnte sein quälerisches Selbstmitleid und die verbalen Ausraster nicht ertragen.

Ich liebte meinen 13 Jahre älteren Bruder.  Wenn ich in den Ferien meine Großeltern besuchte, nahm ich weder depressive, noch aggressive Stimmungen bei ihm wahr. Für mich war er immer der große Bruder, dem ich  vertraute, der unsere  wenigen Begegnungen kurzweilig und fröhlich  gestaltete.  Ich glaubte nichts von dem, was über ihn erzählt wurde. Schon gar nicht, dass er in Bautzen eingesessen haben soll, weil man ihn wegen Mordes an einen Kumpel, aus der von ihm selbst gegründeten Jugendbande (Tigerboys), verurteilt hatte.

Zuletzt sah ich ihn 1973. Er war damals 33 Jahre alt. Der jahrelange Alkoholmissbrauch und die unerfüllte Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung  hatten ihn gezeichnet. Er sah aus, wie ein alter Mann. Sein Gesicht war aschfahl und faltig. Im Oberkiefer fehlten zwei Zähne.

Mein Cousin erzählte mir, dass Bodo seine Alkoholsucht damit finanzierte, sich  von älteren Frauen aushalten zu lassen. Ob er deren Libido, oder ihren Mutterinstinkt befriedigte, sie möglicherweise auch nur davon angetan waren, dass er dem Rockidol Elvis Presley ähnlich sah, bleibt zumindest für mich eine unbeantwortete Frage.

Obwohl er dem Alkohol nie abgeschworen hatte, bekam er nach dem Mauerfall  eine Anstellung als Montagearbeiter auf der Insel Amrum. Ich verstand nicht, weshalb er nicht umsetzte, wovon er mir früher erzählte. Wenn wir ein vereintes Deutschland haben, werde ich sofort zu dir kommen, hatte er immer gesagt.

Wenige Wochen später wurde seine Leiche am Strand von Warnemünde gefunden. Er wurde nur 49 Jahre alt. Es hieß, er habe sich mit dem „Genuss“ von Alkohol und reinem Spiritus getötet.

 

„ Rest in peace Bodo.“

 

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